Aufrufe
vor 2 Jahren

rik Januar 2018

8 ESSEN INTERVIEW THOMAS

8 ESSEN INTERVIEW THOMAS KUFEN Essen, neuntgrößte Stadt Deutschlands und viertgrößte in NRW. Einst Zentrum des Bergbaus, nun Vorbild für gelungenen Strukturwandel. Trotzdem hat Essen mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie die meisten Großstädte in Deutschland. Über diese und andere Themen haben wir mit dem Oberbürgermeister Thomas Kufen gesprochen. Trotz Strukturwandel und mehrerer DAX-Unternehmen hat die Stadt einen hohen Arbeitslosenstand sowie einen Schuldenberg, der enorm drückend ist. Worin sehen Sie die Ursachen? Der Strukturwandel ist da, wir sind der Schreibtisch der Region. Wir haben so viele sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze wie seit 30 Jahren nicht mehr und trotzdem haben wir zwischen 11 und 12% Arbeitslosigkeit. Das sind die zwei Gesichter dieser Stadt, auf der einen Seite Boomtown, auf der anderen Seite diejenigen, die zu den Verlierern gehören. Wenn man sich anschaut, dass jedes vierte Kind in Familien aufwächst, die teilweise oder ganz von Transferleistungen leben, sieht man die gewaltige Aufgabe, die vor uns liegt. Das ist eine Frage des Bildungsaufstiegs, die zu organisieren ist, unabhängig davon, wo die Eltern geboren sind. Wir kämpfen sehr für einen sozialen Arbeitsmarkt, dass diejenigen, die nicht auf Anhieb vermittelt werden können, eine Perspektive bekommen und eine

Wertschätzung erfahren, sich einbringen in Beschäftigungsfelder, für die es aktuell noch keinen Markt gibt. Als Parkhüter oder Seniorenbegleiter zum Beispiel. Es gibt viel zu tun in einer großen Stadt, aber es gibt nicht immer einen Markt dafür. Da finde ich es richtig, Arbeit zu finanzieren statt Arbeitslosigkeit. Sie waren Integrationsbeauftragter des Landes NRW. Wie profitieren Sie als OB davon? Darauf kann ich aufbauen, weil das Thema Integration eine große Aufgabe für eine Stadt wie Essen ist. Menschen zusammenbringen aus unterschiedlichen Religionen und Kulturen, den Dialog zu pflegen, in Respekt miteinander umzugehen. Da kann ich als Oberbürgermeister vieles von dem anwenden, was ich beratend für die Landesregierung gemacht habe. Jetzt ist das Machen im Vordergrund, nicht nur das Beraten. Zwischenbilanz zum Thema Flüchtlinge Wolfgang Schäuble sagte zuletzt in einem Interview, dass unsere Kinder stolz drauf sein würden auf das, was wir hier geleistet hätten. An Menschlichkeit, bürgerschaftlichem Engagement bei der Betreuung und Unterbringung von Flüchtlingen. Das ist wirklich eine Gemeinschaftsaufgabe gewesen, worüber die Gesellschaft nicht auseinandergebrochen ist. Wir erleben aber auch, dass Menschen, die anerkannt sind als Flüchtlinge, in die großen Städte ziehen, ob Köln, ob Düsseldorf oder eben auch Essen. Sie ziehen dorthin, wo Netzwerke sind, wo es schon Communities gibt, wo sie einen Menschenschlag finden, der etwas offener, toleranter ist. Deshalb hat sich beispielsweise allein die Zahl der Syrer innerhalb von zwei Jahren von 1.500 auf über 10.000 erhöht. Das stellt uns schon vor immense Herausforderungen. Wir verbringen hier eine Integrationsleistung für ganz Deutschland, deshalb brauchen wir auch aus ganz Deutschland Unterstützung, von Landes- und Bundesebene, sonst können wir diese Aufgabe nicht alleine bewältigen. Essen – grüne Hauptstadt Europas Das ist eine Auszeichnung der EU für den Wandel, den wir hinter uns haben. Von der ehemals größten Montanstadt Europas zur grünsten Stadt in NRW und der drittgrünsten in Deutschland. Dazu gehört auch die Umwelterziehung in Schulen und Kitas. Aber die Stadt ist noch nicht fertig, Essen ist noch nicht das grüne Paradies. Wir werden auch ausgezeichnet für das, was wir noch vor uns haben. Zum Beispiel eine Verkehrswende hinzubekommen zu mehr ÖPNV und Radverkehr. Da nutz es uns beispielsweise, dass wir den ersten Radschnellweg in Deutschland haben, der auch durch Essen geht. Im Frühjahr wurde in NRW die Rot- Grüne Koalition abgewählt. Welche Forderungen haben Sie an die neue Regierung? Dass sie eine kommunalfreundliche Politik macht, dass sie auch einlöst, was sie im Wahlkampf versprochen hat. Insbesondere was die Kommunen bei der Integration der Flüchtlinge angeht, denn nach dem Thema der Unterbringung kommt jetzt das viel ESSEN 9 anspruchsvollere Thema der Integration. Und dass sie auch eine Antwort bietet, wie es im Ruhrgebiet weitergeht. Da finde ich die Ankündigung einer Ruhrkonferenz sehr verheißungsvoll, aber wir brauchen nicht zusätzliche Diskussionsrunden, sondern wir brauchen Lösungen, Unterstützung, Projekte und Maßnahmen, die uns in der Region nach vorne zu bringen, und die dazu dienen, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Die Stadt Köln hat einen Aktionsplan ins Leben gerufen mit dem Ziel, die gesellschaftliche Anerkennung von LSBTI zu stärken und aktiv gegen Trans- und Homophobie vorzugehen. Gibt es so etwas auch in Essen bzw. wäre das auch etwas für Essen? Wir haben uns schon sehr früh Handlungskonzepte aufgegeben, 1999 waren wir eine der ersten Städte in Deutschland. Von den Begrifflichkeiten hieß das anders, aber im Kern geht es um die gleiche Sache, um Anerkennung, Transparenz und Normalität. Wenn ich als OB im Rahmen des CSD zum zweiten Mal ins Rathaus einlade und der Community und den vielen Initiativen danke, die sich seit Jahren um dieses Thema herum als Anti-Diskriminierungsarbeit, als Arbeit der Hilfe- und Selbsthilfegruppen kümmern, dann ist das auch ein Stückweit Normalität, weil es auch das Rathaus der Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transgender ist. Dass das von einem schwulen Oberbürgermeister initiiert werden musste, ist aus meiner Sicht ein Schönheitsfehler, aber die Community findet das nicht, die freut sich, dass es endlich soweit ist, dass auch das Rathaus die Flagge zeigt. Sie sind seit Oktober 2015 im Amt. Was liegt Ihnen besonders am Herzen? Die erste Aufgabe des Oberbürgermeisters ist, Menschen zusammenzuführen. Nicht Hände zu schütteln sondern Hände zu reichen. Ich glaube, dass ich diese Fähigkeit gut einbringen kann, Menschen zusammenzubringen und lösungsorientiert zu arbeiten, sowohl in der Stadtverwaltung als auch in der Gesellschaft. Mir ist wichtig, dass die Menschen diese Stadt so wahrnehmen, wie sie ist. Dass wir deutlich machen können: „Das ist eine Stadt, die durch Zuwanderung entstanden ist.“ Ob jemand Einheimischer ist oder Zugewanderter, ist in Essen und im Ruhrgebiet immer nur eine Frage des Zeitpunkts. Irgendwann war jeder ein Einwanderer und ist heute Einheimischer. Das ist es, was in den Genen und im Bewusstsein der Leute drin ist, woran gelegentlich aber auch erinnert werden muss.

Magazine

hinnerk Oktober / November 2020
rik Oktober / November
gab Oktober 2020
blu September / Oktober 2020
blu September / Oktober 2020
blu Juli / August 2020
blu März / April 2020
DU GEWINNST. HCV VERLIERT. KENNE DEINEN STATUS
blu Gesundheit 2017
blu Juli 2016
blu Mai 2015
hinnerk Oktober / November 2020
hinnerk August/September 2020
hinnerk Juni/Juli 2020
hinnerk April/Mai 2020
hinnerk August 2016
hinnerk Hamburg Juli 2016
hinnerk Bremen/Hannover Juli 2016
gab Oktober 2020
GAB Juni 2020
GAB April/Mai 2020
gab Juli 2016
Leo Juli / August 2020
Leo März / April 2020
rik Oktober / November
rik August/September 2020
rik Juni/Juli 2020
rik April/Mai 2020
Regionalseiten
männer* – das queere Nachrichtenportal

Unsere News

About us

blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.