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hinnerk Februar 2017

MUSIK „Nach fünf

MUSIK „Nach fünf Jahren auf Tour hatte ich ein Gefühl von Einsamkeit“ FOTO: RENATA RAKSHA In Zeiten wie diesen könnte man glauben, dass Kanada mit seinem jungen dynamischen, liberalen Ministerpräsidenten Justin Trudeau gerade der Hort der Vernunft und Progressivität ist, weit weg von der neuen Realität aus Fake News und Trumpism. Ein Hort der Hoffnung geradezu. Aber da muss Katie Austra Stelmanis leider gleich abwinken: „Trudeau ist in Ordnung, aber bei weitem nicht so gut, wie es scheint. Er ist ein klassischer Typ des Zentrums. Klar, sozial ist er supercool mit seinen Selfies, aber es gibt massenhaft Sachen, in denen er sich überhaupt nicht von der vorhergehenden konservativen Regierung unterscheidet. Er ist wie ein hübsches Gesicht für oldschool right-wing Politik“, erklärt sie.

Was in ihrer Heimat passiert, ist daher definitiv nicht genug für sie und ihre Vorstellungen von einer neuen Welt – von ihrer Idee einer Politik der Zukunft. Als lautstarker, aktivistischer Teil der LGBT*Q-Community weiß sie, dass wir diese brauchen, und genau darum geht es in Austras neuem Album „Future Politics“. Es scheint sogar, als wäre es genau für unsere neue Welt geschrieben worden, als ob sie schon während der Produktion geahnt hätte, wohin wir alle steuern würden. „Ja, verrückt, oder?“ Sie lacht, allerdings schwingt da einiges an Unwohlsein mit. „Aber natürlich habe ich das alles nicht geahnt. Ich habe schon lange bevor die amerikanische Wahl begann, an den Liedern gearbeitet, seit 2014.“ Das Album ist, obwohl sehr persönlich, explizit politisch. „Und alles, was ich mit ,Future Politics‘ sagen will, ist jetzt wie verstärkt. Alle Ideen und Dinge, die ich ausdrücken will, will ich jetzt nur noch mehr ausdrücken.“ Geschrieben hat sie es zum größten Teil zu Hause in Montreal, allein. „Nach fünf Jahren auf Tour hatte ich ein Gefühl von Einsamkeit, und ich spürte auch die gemeinsame Traurigkeit aufgrund unserer Umstände.“ Denn auch schon vor 2016 war der Zustand der Welt ja nicht unbedingt ein Anlass zum Durchfeiern: „Das Great Barrier Reef wird in zwanzig Jahren tot sein. Solche Sachen. So vieles hat mich deprimiert, und dieser Zustand hat die ersten Lieder stark beeinflusst. Es war ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit.“ Das jetzt, wie sie sagt, eben noch schwerer über der Welt liegt als zuvor. „Aber später war ich in der Lage, wieder Optimismus zu finden, vor allem durch Ideen für eine bessere Zukunft. Es ist wichtig, dass wir einen Plan dafür haben, und er muss ganz anders sein als die Art und Weise, wie wir heute leben. Menschen dazu zu bringen, darüber nachzudenken, ist ein guter Weg, um dieses Gefühl der Hoffnungslosigkeit zu überwinden.“ Austra ist inspiriert durch die Idee einer möglichen Zukunft – wie es aussehen könnte, wenn alles doch wieder besser wird und die Katastrophen, die am Horizont drohen, vermieden werden. Wenn da doch noch irgendwo hinter dem Aufstieg der Rechten, totaler Überwachung oder dem Klimawandel ein Utopia liegen könnte. „Und das bedeutet für mich, darüber zu reden, zu schreiben, und davor noch, alles darüber zu lesen – ob wirtschaftliche Texte oder Science Fiction.“ Der Sound des Albums ist sehr groß und weit geworden, und sie nutzt alle Möglichkeiten elektronischer Produktionen für Druck und Überwältigung. Aber wie entwickelt man das für einen Song wie „43“, ein Stück, das sich mit den 43 Studenten beschäftigt, die im Jahr 2014 in Mexiko verschwundenen sind? „Bei all den Liedern hatte ich gar nicht die Intention, dass es um diese gewaltigen Themen geht. Sie waren alle eine indirekte Reaktion auf ein persönliches Gefühl.“ „43“ wurde auch durch ihre Zeit in Mexico City inspiriert, wo sie 2015 für einige Zeit wohnte. „Es war eine Zeit, die mir viel Kraft gegeben hat und die auch in kreativer Hinsicht befreiend auf mich wirkte“, erzählt Stelmanis, aber nicht nur das. „Die wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich ist ein im Alltag allgegenwärtiges Thema in Mexiko, ebenso wie Kolonialismus, Neoliberalismus und die brutalen Auswirkungen von NAFTA auf Lateinamerika. Was ich über diese geschichtlichen Zusammenhänge gelesen habe und mit dem verglich, was die Kapitalismustheorie der Weißen in der Schule lehrt, ließ die Themen, mit denen ich mich in Montreal beschäftigt hatte, noch viel globaler und bedeutsamer erscheinen.“ Natürlich muss man das alles nicht im Kopf haben, wenn man Austras neue Musik hört. Aber es wird schwerfallen, sich davor zu verschließen. Und das ist es, was sie letztlich erreichen will: Es geht nicht nur darum, Hoffnung in die Zukunft zu setzen, „sondern darum, dass jeder gefordert ist, an der Gestaltung der Zukunft mitzuwirken.“ •fis TESTSIEGER Finden Sie Ihren passenden Partner über Jetzt parshippen

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