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hinnerk April/Mai 2019

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FILM INTERVIEW JOEL

FILM INTERVIEW JOEL EDGERTON „Also besser ich als niemand, dachte ich mir.“ Einer der wohl wichtigsten Filme 2019 ist sicherlich „Der verlorene Sohn (Boy Erased)“ mit Nicole Kidman und Troye Sivan. Wir sprachen mit dem Regisseur. Mr. Edgerton, die erste Frage zu Ihrem neuen Film „Der verlorene Sohn“ über einen jungen Schwulen, der von seinen Eltern in eine Umerziehungstherapie gesteckt wird, liegt auf der Hand: Was hat Sie als Heterosexuellen daran interessiert? Ich bekam Garrard Conleys autobiografisches Buch „Boy Erased“ von einer befreundeten Produzentin in die Hand gedrückt und war beim Lesen schnell sehr emotional involviert. Zunächst einmal aus einem ganz profanen Grund: Weil ich schon lange eine tiefe Faszination für geschlossene Einrichtungen, Heime und Anstalten habe. Die waren schon in meiner Kindheit die Basis all meiner Ängste und Albträume. Haben Sie in dieser Hinsicht schlimme Erfahrungen gemacht? Nicht direkt. Aber es gibt nicht umsonst ziemlich viele Filme, die sich mehr oder weniger direkt damit beschäftigen, wenn Kinder oder Jugendliche in die falschen Hände geraten. Denken Sie doch mal an „Annie“ und die böse Heimleiterin. Ich selbst war als Kind mal ein paar Wochen in der Obhut einer Person, die mich nicht gut behandelt hat. Da ist nichts wahnsinnig Schlimmes vorgefallen, aber ich fühlte mich unwohl und verlassen. Durch diese Brille las ich anfangs Garrards Geschichte. Dafür geht es nun in Ihrem Film aber erstaunlich wenig um das Gefangensein in der Therapieanstalt selbst ... Das ist ja nicht wirklich der springende Punkt, wie auch ich bald gemerkt habe. Der Punkt, wo ich überzeugt davon war, dass jemand einen Film aus der Geschichte machen muss, war der, als die Mutter einen Sinneswandel hat. Als sie plötzlich beschließt, ihm doch zu helfen, hat mich das enorm berührt, nicht zuletzt unter dem Aspekt von Hoffnung. Ich fand es unglaublich wichtig, dass jemand einen Film über diese Praxis der Konversionstherapie dreht. Aber eben nicht mit einer vollkommen hoffnungslosen Haltung, sondern auch als eine Art Wegweiser für andere Eltern. Nur war ich nicht davon überzeugt, dass ich der Richtige für diesen Job war. Aufgrund Ihrer Heterosexualität? Genau! Ich war richtig sauer, denn ich hatte unglaublichen Bock darauf, diese Geschichte zu verfilmen, war mir aber eben auch sicher, dass das problematisch wäre. Ich habe mir als Schauspieler schon immer Gedanken über Repräsentation gemacht: Welches Recht haben wir in diesem Job, eine bestimmte Person oder Sache darzustellen, gerade wenn es um Dinge wie Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht und sexuelle Identität geht. Und ich habe nie verstanden, warum sich viele Produzenten diese Gedanken anscheinend nicht machen und auch nicht aus den Fehlern anderer lernen. Ich weiß jedenfalls, wie wichtig es ist, seinesgleichen auf der Leinwand zu sehen, wie viel Wert auf Authentizität gelegt wird und wie emotional die Diskussionen darüber geführt werden. Bis zu einem gewissen Grad war mit „Loving“ sogar schon mal einer meiner Filme von einer solchen Debatte betroffen. Der handelte von der Liebe zwischen einer Schwarzen und einem Weißen, aber es gab Menschen, die fragten, ob ein weißer Regisseur wie Jeff Nichols die Geschichte hätte erzählen dürfen. Oder denken Sie an Kathryn Bigelow und ihren Film „Detroit“! Sie haben sich dann aber doch dazu durchgerungen, „Der verlorene Sohn“ zu drehen ... Ja, nach reiflicher Überlegung. Prinzipiell gebe ich jedem recht, der meint, dass ich als weißer Australier nicht der geeignete Regisseur bin, zum Beispiel etwas über die Lebensrealität eines Afroamerikaners oder auch über den Nahostkonflikt zu erzählen.

FILM Aber gleichzeitig ist es auch schwer mit anzusehen, wenn eine tolle und wichtige Geschichte nicht erzählt wird. So wie die von Garrard, deren Filmrechte auch nach einem Jahr noch nicht verkauft waren. Also besser ich als niemand, dachte ich mir. Und warum soll ich meine Leidenschaft für dieses Thema nicht dazu nutzen, der LGBTIQ*-Community ein engagierter Verbündeter zu sein? Haben Sie dann schließlich Maßnahmen getroffen, damit Ihr Film – um es mal so auszudrücken – schwul genug ist? Zum einen hatte ich natürlich das große Glück, die volle Unterstützung von Garrard Conley zu haben. Ich habe lange Gespräche geführt mit ihm und, durch seine Vermittlung, auch mit anderen, die solche Therapien überstanden haben. Garrard hat die meisten meiner Drehbuchfassungen gelesen, er war oft am Set und auch später im Schneideraum. Ich habe lange mit ihm darüber gesprochen, wie wichtig es zum Beispiel ist, bei einem Film wie diesem dafür zu sorgen, dass vor der Kamera und auch in der Crew nicht nur Heterosexuelle vertreten sind. Und natürlich habe ich die Organisation GLAAD (Gay & Lesbian Alliance Against Defamation) mit ins Boot geholt, die in den USA so etwas wie die oberste Instanz in Sachen LGBTIQ*-Sichtbarkeit in den Medien ist. Denen habe ich mein Drehbuch vorab geschickt und finde ohnehin, dass jede Filmproduktion sich deren Segen holen sollte. Hatten Sie eigentlich während der Arbeit an „Der verlorene Sohn“ ein klares Bild von Ihrem Zielpublikum? Für wen haben Sie den Film gedreht: Eltern oder Kinder, Schwule oder Heteros? Das Spannende ist ja, dass man so etwas als Regisseur nie so wirklich weiß, weil ein Film sich immer selbst neu erfindet und sein eigenes Publikum findet. Zum Beispiel war ich anfangs fest davon überzeugt, einen Film über diese Konversionstherapie zu drehen, musste dann aber feststellen, dass er vor allem vom Thema Familie handelt. Natürlich richtet sich „Der verlorene Sohn“ auch an junge Männer wie meinen Protagonisten, die dabei sind, sich selbst zu finden, und lernen müssen, dass mit ihnen nichts falsch ist, sondern sie ihr eigenes Leben dürfen. Aber gleichzeitig sollte er nicht zuletzt von Eltern gesehen werden, denn die entscheiden darüber, ob eine Familie zusammenbleibt oder nicht. Wer sein Kind verstößt, tut nicht nur dem Kind, sondern auch sich selbst und der ganzen Familie etwas an. Das zu vermitteln, war mir eine Herzensangelegenheit. Eine letzte Frage noch, weil Sie die Wichtigkeit von queeren Darstellern schon erwähnten: Wie kamen Sie darauf, den schwulen Popstar Troye Sivan seine erste große Kino-Nebenrolle spielen zu lassen? Ehrlich gesagt war das eine Idee meiner Casting-Agentin. Ich wusste mit Troyes Namen nicht allzu viel anzufangen, nur dass er irgendwie durch YouTube bekannt geworden war. Sie wusste, dass er auch schauspielerisches Talent hat, und als ich sein Bewerbungsvideo sah, war ich begeistert. Und umgehauen von seiner Schönheit, denn Troye sieht ja wirklich wie ein Engel aus. Eigentlich hatte ich für die Figur, die er nun spielt, einen Gothic- Look im Sinn gehabt, aber für Troye habe ich das noch einmal über den Haufen geworfen. Das Gleiche gilt für seine musikalische Beteiligung am Film. Eigentlich wollte ich keine moderne Musik einsetzen, aber als er von sich aus anbot, etwas zum Soundtrack beizusteuern, konnte ich nicht widerstehen. *Interview: Jonathan Fink KINO Helmut Berger, meine Mutter und ich Ein Film, auf den man insgeheim gewartet hat. Zu lange schon schmunzelt man eher über diesen großen Mann der Film-, Kunst- und LGBTIQ*-Szene, der womöglich zu sehr Dandy und Lebemann ist für das durchschnittsdeutsche Gemüt. Was junge Leser leider nicht wissen: Helmut Berger ist viel, viel mehr als eine Lachnummer aus dem RTL-Dunstkreis. Nicht ohne Grund führen den Schauspieler auch populäre junge Wilde der Kunstszene wie etwa Thomas Götz von Aust als eine Inspirationsquelle an. Ein ungewöhnlicher Mann, dieser Berger! Der Film „Helmut Berger, meine Mutter und ich“, der am 7. März in den Kinos startet, ist ebenfalls durch und durch ungewöhnlich. Es ist kein Spielfilm, es ist die Annäherung eines Fans, Bettina Vorndamme, der sich – begleitet von einer Kamera – zusammen mit der Tochter auf den Weg macht, sein scheinbar gefallenes Idol kennenzulernen. Dank Filmemacherin Valesca Peters werden wir Zeuge einer Annährung zweier Menschen. Intim, kunstvoll und dem großen Berger, jenem Visconti-Star, gerecht werdend. *rä www.salzgeber.de DVD Alexander McQueen Der 1969 geborene britische Modedesigner war bis zu seinem Freitod am 11. Februar 2010 DER Mann hinter Labels wie Givenchy und dem Image von Lady Gaga. Der im April auf DVD erscheinende Dokumentarfilm „ALEXAN- DER MCQUEEN – DER FILM“ von Ian Bonhôte und Peter Ettedgui ist eine intensive und sensible Würdigung des Genies. Privates Archivmaterial, Videoaufnahmen seiner spektakulären Modenschauen und Interviews mit seinen Weggefährten zeichnen das Bild eines kreativen Punk, der Mode und Erotik liebte. „My shows are about Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll” – das war sein Motto. Ohnehin war ihm nichts ferner, als etwas zu verheimlichen. „Ich war mir und meiner Sexualität immer sicher und habe nichts zu verstecken. Ich ging direkt vom Schoß meiner Mutter auf eine Schwulenparade.“ *rä FOTO: SALZGEBER

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