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CSD Frankfurt 2016 – Liebe gegen Rechts"

Frankfurt 24 FOTO: FRANK

Frankfurt 24 FOTO: FRANK DITTMAR / PIXELIO.DE „OHNE UNS WÜRDE ES AUF DER STRASSE GANZ ANDERS AUSSEHEN“ Seit 26 Jahren gibt es das KISS, die Kriseninterventionsstelle für Stricher der AIDS-Hilfe Frankfurt – eine Mischung aus Zufluchtsort, Familienersatz und psychologischer wie sozialer Beratungsstelle für Jungs, die anschaffen gehen. Leiterin Karin Fink spricht im Interview über den Alltag in der Einrichtung. IHR SEID IM DEZEMBER AUS DER ALTEN GASSE INS NORDEND GEZOGEN – WIE WURDE DER UMZUG ANGENOMMEN? Die Alte Gasse war ein guter Standort für uns. Die Jungs sind dort unterwegs, haben geschaut, was auf der Straße los ist, und sind dann immer wieder zu uns gependelt. Das haben wir so in den neuen Räumen nicht mehr. Aber nach einer kleinen Durststrecke kommen sie inzwischen auch ins Nordend. Wir hatten uns für diese Räume entschieden, wohlwissend, dass es nicht das Optimale für unsere Arbeit ist, aber in Ermangelung an Alternativen mussten wir hierher umziehen. WIE KLAPPT ES MIT DEN HAUSBEWOH- NERN? Das ist sehr schwierig. Ich hatte mich auf einiges eingestellt, aber nicht auf eine solch massive Anfeindung. Einige Hausbewohner haben Angst, sind aber auch resistent gegen Aufklärung. Da wird der Ton sofort aggressiv – wir würden Dreck, Krankheit und Kriminalität ins Haus bringen. Selbst dem Argument, dass in der Arztpraxis, die vorher in den Räumen war, auch Substituierte und HIV-Patienten waren, wurde nicht geglaubt. Ich wurde als Lügnerin bezeichnet. Im Dezember hatten wir zu einer Vorstellungsrunde eingeladen, zu der allerdings nur sehr wenige Hausbewohner kamen, die neugierig waren und uns kennen lernen wollten. WIE SIEHT DENN EIN TAG IM KISS AUS? Wenn wir Öffnungszeiten für die niedrigschwellige Anlaufstelle haben, das sind vier Stunden an vier Tagen die Woche, kann man sich das wie ein Tagesheim vorstellen. Wir bieten eine existenzielle Grundversorgung, weil viele der Jungs obdachlos sind. Sie haben hier die Möglichkeit, ihre Wäsche zu waschen, zu duschen, und wir haben auch Tagesbetten zum Schlafen. Wir kochen zusammen, kaufen gemeinsam ein, oder man verbringt die Zeit mit Fernsehen oder Gesellschaftsspielen. Das ist unser niedrigschwelliges Angebot: Man muss kein Anliegen haben, um Vorbeizukommen, und wir sind auch keine Beratungsstelle, für die man einen Termin braucht. Aus den Gesprächen ergeben sich oftmals Themen, die zu Einzelgesprächen führen, aber auch das ist kein Muss. Es geht primär darum, eine Beziehung zu den Jungs aufzubauen. Sie sollen hier zur Ruhe kommen und sich sicher fühlen. Natürlich gibt es Diskriminierung und Stigmatisierung untereinander, aber wir achten sehr darauf, dass innerhalb des KISS ein respektvoller Umgang herrscht, niemand wird wegen seiner Herkunft, Religion, Hautfarbe, sexueller oder geschlechtlicher Identität diskriminiert. Wir bestimmen die Regeln – und wer keine Einsicht zeigt, bekommt Hausverbot. WER NUTZT DAS ANGEBOT? Es sind zu 90 Prozent Migranten, davon die meisten Bulgaren und Rumänen, der Rest sind Deutsche. Daher ist es sehr wichtig, dass wir unsere Dolmetscher und Dolmetscherinnen haben, sonst könnten wir uns zum Teil gar nicht verständigen. Wir hatten früher mehr junge Männer unter 18 Jahren, inzwischen liegt der Durchschnitt so bei 20 bis 27 Jahren, wir haben aber auch Mittdreißiger. DIE GRÜNDE, WIESO JEMAND ALS PROSTITUIERTER ARBEITET, SIND VIELFÄLTIG;GIBT ES UNTERSCHIEDE ZWI- SCHEN WEIBLICHEN UND MÄNNLICHEN PROSTITUIERTEN? Das hat sich im Laufe der Jahre verändert. Früher waren es häufig Jungs, die Probleme mit ihrer Sexualität hatten und dann den Weg übers Anschaffen gewählt haben, um vordergründig Sex mit Männern zu haben, weil man ja damit Geld verdienen kann. Ihr Coming-Out war häufig ein langer Weg, viele haben dann aber auch mit der Prostitution aufgehört. Heute handelt es sich hauptsächlich um Armutsprostitution, um das eigene Überleben zu sichern oder das der eigenen Familie oder der Eltern im Heimatland. Viel seltener steckt ein Coming-Out dahinter, wobei ich das grundsätzlich nicht ausschließen würde. Homosexualität ist gerade in den osteuropäischen Ländern ein großes Tabuthema, und es herrscht oft auch ein ganz anderes Bild von Homosexualität: Zum Beispiel versteht man sich nicht als homosexuell, solange man beim Sex der Aktive ist. DAS FÜHRT BESTIMMT OFT ZU PROBLE- MEN MIT FREIERN? Ja, das bekommen wir hier mit, wir bieten ja auch Freierberatung an. Viele Stricher machen gewisse sexuelle Praktiken nicht, aber die Absprache ist unklar. Die Freier bezahlen dann nichts oder weniger, der Stricher fühlt sich betrogen und klaut mitunter das fehlende Geld, was natürlich nicht geht. Im Unterschied zur weiblichen Prostitution gibt es bei Männern, selbst bei Escorts oder Callboys, üblicherweise keine Vorkasse. HABEN STRICHER EINE LOBBY WIE DIE WEIBLICHEN PROSTITUIERTEN? Nein, auch das ist ein Unterschied zu den weiblichen Prostituierten. Bei den bekannten Organisationen handelt es sich immer um gestandene Frauen, die das selbst aufgebaut haben. Ich habe bei den Männern sehr wenig Solidarität untereinander erlebt. Selbst, wenn es um gewalttätige Freier ging, haben die Jungs sich nicht gegenseitig gewarnt. Dass mussten wir dann übernehmen, wenn wir davon erfahren haben. WIE VIELE ÄHNLICHE STRICHER-PRO- JEKTE GIBT ES BUNDESWEIT UND WIE FINANZIERT SICH DAS KISS? Bundesweit gibt es neun Einrichtungen, in Hessen sind wir die einzige. Finanziell sind wir eingebunden in die AIDS-Hilfe, unser Hauptbezug kommt über das Gesundheitsamt, weitere Teile über die Jugendarbeit und das hessische Sozialministerium. Da wir ein Angebot haben, das keine Pflichtleistung darstellt, waren wir schon immer auch auf Spenden angewiesen. Eine private Stiftung finanziert zum Teil die Arbeit unseres Streetworkers und ermöglicht, dass wir einen fünften Tag in der Woche geöffnet haben können. In den 26 Jahren haben

25 Frankfurt wir immer ums Überleben gekämpft. Es wäre dringend notwendig, eine fest im Haushalt abgesicherte Projektfinanzierung für das KISS zu bekommen. Unsere Arbeit derzeit noch ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir würden gerne auch am Wochenende oder über Nacht geöffnet haben, aber die finanzielle und personelle Situation lassen das nicht zu. Ideelle Unterstützung bekommen wir viel, das ist auch wichtig, aber wenn’s ums Überleben geht, zählt halt Bares. Und was oftmals übersehen wird: Ohne uns würde es auf der Straße ganz anders aussehen. DIE BUNDESREGIERUNG HAT NACH DER NOVELLIERUNG DES PROSTITUTIONS- GESETZES IM JAHRE 2002 NUN DAS NEUE PROSTITUIERTENSCHUTZGESETZ ERLASSEN, DAS STARK KRITISIERT WIRD. WAS SIND DIE HAUPTKRITIKPUNKTE UND WIE SIND DIE MÄNNLICHEN PROSTITU- IERTEN DAVON BETROFFEN? Das Gesetz von 2002 hat zunächst eine Liberalisierung gebracht: Prostitution ist nicht mehr sittenwidrig, sondern gehört zur Gesellschaft und ist als sexuelle Dienstleistung anerkannt. Diese liberale Haltung gegenüber der Prostitution in Deutschland wurde kritisiert. Das neue Gesetz verpflichtet nun unter anderem zu regelmäßigen gesundheitlichen Zwangsberatungen und Anmeldungen, mit dem Ziel, der Zwangsprostitution entgegenzutreten. Aber erwartet man wirklich, dass Frauen bei der Zwangsberatung sagen, dass sie zum Anschaffen gezwungen werden? Ich finde schon den Begriff ‚Zwangsprostitution’ falsch; es handelt sich dabei um Frauen, die zum Sex mit Männern gezwungen werden; das sind Vergewaltigungen, und da gibt es bereits entsprechende Gesetze. Die Zwangsberatungen und Anmeldungen, die es in anderen Gewerben und Branchen nicht gibt, erschweren vielmehr die Ausübung der Prostitution, gerade auch für männliche Prostituierte, die sich oftmals gar nicht als solche verstehen. Wer bei einer Kontrolle den Beratungsschein und die Anmeldung nicht vorzeigen kann, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Die Idee, Menschen zu schützen, ist richtig, aber ich sehe in diesem Gesetz nicht den Schutz für Prostituierte, sondern eher den Schutz der Moralvorstellungen: Man möchte wissen, wer wo wann arbeitet. Ganz davon abgesehen, dass nicht geklärt ist, wer diese gesundheitlichen Beratungen vornehmen soll. Unsere präventive Arbeit, die immer auf Freiwilligkeit setzt und den Appell an die Verantwortung des Einzelnen hat, erzielt viel bessere Erfolge, das hat die Vergangenheit einfach gezeigt. •Interview: Björn Berndt KISS, Wielandstr. 10 – 12, Frankfurt, mehr Infos über www.frankfurt-aidshilfe.de FOTO: PRIVAT !schmuck moseler + reichert römerberg 34 60311 frankfurt 069 - 91 39 69 29 www.moseler-reichert.de

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