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blu Mai 2015

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Die blu im Mai mit Jean-Michel Jarre, Drangsal, Katy Bähm, Daniel Radcliffe und vielen mehr.

Musik DRANGSAL:

Musik DRANGSAL: LEIDENSCHAFT UND ZORN FOTOS: WWW.CHRIS-GONZ.DE

Dass die 1980er von einer neuen Generation entdeckt und neu interpretiert werden, ist ja mittlerweile kalter Kaffee. Aber Drangsals Album „Harieschaim“, benannt nach seiner Heimatstadt Herxheim, ist mehr als nur ein Retro-Ding. Diese Lieder sind so nah an den Originalen, dass man glaubt, schon ’86 dazu getanzt zu haben. Zwischen The Cure und Joy Division, zwischen Punk und New Wave hat Max Gruber den universellen Teenagersound der Vergangenheit zurückgebracht. Es klingt nach Leiden an den eigenen Gefühlen und Zorn auf die Welt, was im Zusammenspiel mit dem Albumtitel sofort eine Frage aufwirft. MAN HAT, WENN MAN „HARIESCHAIM“ HÖRT, DEN EINDRUCK, DASS DAS AUF- WACHSEN IN HERXHEIM ELEND GEWESEN SEIN MUSS. Nicht elend. Es war nur fürchterlich langweilig! Es ist ein erzkatholisches, kleines Winzerdorf in der Südpfalz. Wenn du ein Interesse hast, das über kleine Winzerdörfer in der Südpfalz hinausgeht, dann hast du halt Pech. Dann vergeht man da einfach. ES GIBT EIN ZITAT VON DIR ZU DIESER ZEIT: „ENTWEDER ICH LASSE MICH IN DER PAUSE VERKLOPPEN ODER ICH LACKIERE MIR DIE FINGERNÄGEL IN EINER NOCH AUFFÄLLIGEREN FARBE.“ WAR DIES EIN AUFBEGEHREN, EIN SPIEL MIT GENDER- GRENZEN, IDENTITÄTSFINDUNG ODER EINFACH NUR EINE ANTWORT AUF DIESE LANGEWEILE? Ich war vier oder fünf, als Marylin Mansons „The Dope Show“ herauskam. Da hat man sich gerade sein Bild von „männlich“ und „weiblich“ gemacht: „Ich bin anders als Jana, weil Jana ist ein Mädchen.“ Dann habe ich „The Dope Show“ gesehen – einen androgynen Mann, der zwar Brüste hat, aber keine Nippel, der zwar einen Schritt, aber kein Geschlechtsteil hat. Das hat das Konstrukt von Geschlecht, das ich mir mühsam aufgebaut hatte, mit einem Schlag zerbersten lassen: „Hey, geil, ich kann auch machen, was ich will!“ Wie Genesis P-Orridge von Throbbing Gristle – die/er/sie lebt ja in einem quasi komplett erfundenen Geschlecht und weigert sich zu erklären, was es ist – sagt: „I personally refuse the idea of gender in its entity.“ Find ich super. Fand ich schon immer super! Natürlich hieß das nicht, dass der Rest seiner Stadt von diesen Ideen genauso begeistert war. Max machte genau die Art von Erfahrungen, die man erwarten würde, und das nicht nur einmal: „In der Schulzeit ist alles schwierig, wenn du auf einem Haufen mit hundert anderen präpubertierenden Idioten bist und dazu gezwungen, dich zu unterhalten … Dann sagen die halt ‚Schwuchtel‘ zu dir.“ Seine Reaktionen darauf? „Erstens: Keine gute Beleidigung. Zweitens: Fick Dich!“ Natürlich wählt man nun das Außenseitertum umso mehr, man will noch kontroverser schockieren und bewusst anecken. Max ist nie jemand gewesen, der zurücksteckt. Wenn ihn jemand auf diese Art beleidigen wollte oder versucht hat, ihn zu mobben, hat er einfach doppelt so laut zurückgeschrien: „Okay, wenn dir das nicht gefällt, dann warte erst mal ab, was ich morgen mache!“ Wenn jemand seinen Rucksack in den Mülleimer geworfen hat, hat er ihm das Fahrrad kaputt gemacht, die Reifen zerstochen und den Sattel abgeschraubt. Aktion – Reaktion. ES SCHEINT, ALS WÄRE DAS EIN TAGTÄGLICHER KAMPF GEWESEN? Ich habe mir einen Schutzwall aufgebaut. Okay, du kannst jetzt vielleicht „Schwuchtel“ zu mir sagen, weil ich lange, gefärbte Haare und lackierte Fingernägel habe, aber das trifft mich nicht! Natürlich dachte ich immer, warum sind denn nicht einfach alle nett zueinander? Dann wäre doch alles gut. Aber so läuft’s eben nicht. Wenn einer ruft: „Na, du Schwuler“, dann trete ich ihm eben mit meinen Stiefeln ins Gesicht – tut mir leid, aber solche Leute haben es dann auch nicht anders verdient. Da haben die mich irgendwann in Ruhe gelassen. Nicht aus Angst, sondern: „Okay, den würde ich lieber nicht mobben, denn der meint das ernst“. DU BIST NIE IN DIE OPFERROLLE GEGANGEN … Voll! Also, natürlich schon, unfreiwilligerweise. Ich hatte auch so eine Deutschpunk-Phase, und da hast du natürlich von Nazis aufs Maul gekriegt. Aber ich habe mir einfach nie viel daraus gemacht. Man muss das Bewusstsein haben, dass man besser als diese Leute ist, moralisch und ethisch. Dass man damit auch glücklicher sein darf, weil man viel mehr weiß und viel mehr erkennt im Leben – und viel mehr zulässt.“ ALSO WARST DU SCHON IMMER SO DRAUF? Ja. Wenn keiner was sagt, dann muss ich was sagen! Dann schrei ich die eben zusammen. Und so bin ich immer noch. Wenn mir was nicht passt, dann raste ich komplett aus. Das hat positive und negative Seiten. (lacht) Ich mag nicht, wenn man gesagt bekommt, was man zu tun und zu lassen hat und wie man sich anziehen soll und wie man aussehen soll und was man sagen darf. Ich find’s toll, wenn jeder sein eigener Herr ist. EIGENTLICH EINE VÖLLIGE SELBSTVER- STÄNDLICHKEIT … Finde ich auch, aber es ist ja leider nicht so! Und so lange wehre ich mich eben gegen jene, die das nicht so sehen. DAMIT HAST DU IM GRUNDE DEN REST DEINES LEBENS VERPLANT. (lacht) Ja, oder? Und ich finde, Musik ist ein gutes Werkzeug dafür. Selbst wenn es nur im Subtext mitschwingt und nicht offen Protestmusik ist. Damit man keinen falschen Eindruck gewinnt: Max ist im Gespräch ein aufmerksamer und vor positiver Energie nur so sprühender Sonnenschein von einem Menschen. Das mag vielleicht auch etwas damit zu tun haben, dass er mit 18 Herxheim verlassen hat und direkt nach Berlin gezogen ist. Er machte ein Praktikum bei einem Label, doch im ersten Jahr war er noch wie erschlagen, es war ein Kulturschock. Er versuchte auch, kurz in Leipzig zu leben, aber mittlerweile gibt es keinen anderen Platz mehr für ihn als Berlin. Es ist der Ort, wo man sich selbst verwirklichen kann. „Ob man nun Musiker werden will oder weil man eine beschissene Familie hatte und seine Sexualität unterdrücken musste.“ Im Gegensatz zu anderen Teilen der Republik. Erst vor kurzem hat Max einen alten Schulfreund nach über zehn Jahren wiedergetroffen. „Wir waren mal in der 3. und 4. Klasse die besten Freunde und – tut mir leid – der ist halt strunzdumm!“ Der ehemalige Freund erzählte ihm von seinem Berlinurlaub und dass ihm aufgefallen sei, dass „die ganzen Schwuchteln Hand in Hand rumlaufen, und keiner sagt was“. UND DA WURDEST DU WIEDER LAUT? Ich war so schockiert! Fuck, dich kann man nicht mehr verändern! Das hat mich aus der Bahn geworfen. Ich habe wirklich den Bezug zu den Leuten aus Herxheim verloren – bis auf die zwei, drei Freunde, die jetzt aber auch hier sind. Dort spielst du halt Fußball und gehst auf Weinfeste. Dort darf man ja gar nichts, man darf weder von der Norm abweichen noch gefühlvoll sein. Das sind alles Sachen, die mich in dem beeinflussen, was ich hier mache. Seine Musik setzt sich mit all dem aber eher indirekt auseinander, sie ist zuallererst Ausdruck seiner Stilvorlieben, die er mit seinen eigenen Mitteln umsetzt. Bis auf einige Schlagzeugspuren hat er jedes Instrument selbst eingespielt, und jedes Lied ist ein Echo seiner Gefühle und Gedanken der letzten Jahre. Kleine, persönliche Geschichten. Aber – wie er doch noch sagt – wenn „Love Me Or Leave Me Alone“ keine LGBT*-Hymne wird, dann wäre er schon enttäuscht. •Christian K. L. Fischer

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