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blu Juli 2017

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MUSIK INTERVIEW SEVEN

MUSIK INTERVIEW SEVEN Seven erinnert sich genau, wann er das erste Mal Prince gesehen hat. „Bei einer dieser legendären After-Shows, in Zürich. Ich war 16 oder 17. Mein Musiklehrer hat mich reingeschmuggelt. Die Türen gingen zu, niemand durfte mehr rein, niemand raus. Dann kam das Trio aus Damen auf die Bühne – und sie sahen wirklich aus wie drei wunderhübsche Prostituierte ... für einen Siebzehnjährigen!“, lacht er. „Sie haben eine Stunde gespielt und dann kam er – im gleichen Outfit! Und ich fragte mich, warum ich das nicht schlimm finde. Was war los mit mir? Wie konnte er das mit Stolz tun und warum ist er trotzdem cool? Er hat drei Stunden gespielt und ich war infiziert. Von dem Trip bin ich bis heute nie runtergekommen.“ Vielleicht war das neben seiner Musik das größte, das Prince der Welt geschenkt hat: Er hat jedem die Erlaubnis gegeben, mehr zu tun, als man glaubte zu dürfen. Darum findet sich auf

MUSIK Farbenlehre Sevens neuem Album auch ein Teil, der ihm gewidmet ist – eine Hommage in Purpur. Aber das Album heißt ja „4Colors“ – und die anderen drei Farben sind Blau, Gelb und Rot: drei weitere Genres, drei weitere Stimmungen. Dieses Album besteht eigentlich aus vier EPs, auf denen sich der Schweizer Sänger völlig austobt. In den letzten Jahren sind so viele und so unterschiedliche Lieder entstanden, dass sie sich einfach nicht unter einen Hut bringen ließen. Müssen sie auch nicht, entschied Seven. „Also machte ich vier Hüte auf. Dann konnte ich losrennen, in all diese Richtungen.“ Teil eins, Blau, ist fast schmerzhaft, einsam und kühl, mit elektronischen Klängen untermalt. Gelb ist Uptempo- Soul und sogar Rap. Und Rot steht natürlich für Liebe und Leidenschaft im R ’n’ B-Style. Die Farben hat er dabei übrigens nicht aus einer wagen Stimmung heraus gewählt, denn Seven ist Synästhetiker, für ihn erzeugen Töne gleichzeitig Farben. „Für mich ist das so normal. Ich frage nie: ,Hey, siehst du auch Farben?‘“ Er erklärt es auf diesem Weg: „Wir alle sehen ja Bilder, wenn wir Musik intensiv hören. Wir erinnern uns an einen Sonnenuntergang oder die eine Partynacht, oder wir erinnern uns an den Geruch der Exfreundin. Und ich kann gar nicht anders, als Musik bewusst zu konsumieren. Ich kann Musik nicht im Hintergrund laufen lassen. Wenn ich Musik höre, sitze ich wie in einem 360-Grad- Film und schaue mich um – ich seziere es und nehme es auseinander, ich habe das Operationsbesteck in der Hand und schaue es mir an.“ Er lacht: „Wahrscheinlich lebe ich im längsten Musikvideo der Welt.“ Als er die vier Teile vor sich hatte, dachte er an die vier Jahreszeiten, ganz klassisch. „Es kam mir vor wie beim Theater, ich wollte etwas in vier Akten. Meine Eltern sind ja beide klassische Musiker und ich musste mir als kleiner Junge so viele dieser Konzerte anhören. Über Inszenierungen und Dramaturgie habe ich schon damals viel gelernt. Und ich habe ja zehn Jahre lang selber Geige gespielt.“ Darum hat er sich entschlossen, die vier Teile durch aufwendig arrangierte Orchesteraufnahmen zu trennen. „Wenn der Mensch weiß, was kommt, dann macht er sich davor schon Gedanken, und das wollte ich“, erklärt er diesen immensen Aufwand. „Ohne die Orchestertracks wäre es weniger spannend, es sich anzuhören. Mit jeder Trennung stellt sich die Frage, ob man den Unterschied dann auch hört und wahrnimmt. Es zwingt dazu nachzudenken.“ Doch damit nicht genug des Konzeptes. „Das Sounddesign sollte auch anders sein. Ich wollte jeden Teil anders aufnehmen, anders produzieren, anders mischen – sodass es vier verschiedene Welten sind. Und ich wollte einen Erzähler dazwischen, ein klassisches Erzählelement, losgelöst von all dem Sounddesign.“ Spätestens an diesem Punkt hätte vermutlich jedes normale Plattenlabel gesagt: Also, jetzt hackt’s wohl! Seven lacht: „Willkommen in meiner Welt! Aber wenn man so einer ist wie ich, dann muss man sich sein Leben schon einrichten.“ Er hat um sich herum nur Leute, die ihn kennen und seinen Ideen vertrauen. „Und für alle anderen gilt: Ich mache mein Album, ich komme damit zu dir – take it or leave it. Punkt. Und sie haben es alle genommen. Doch wenn du so eine Idee bei einem Label hättest pitchen müssen … das kannst du vergessen!“ Er weiß, dass er sich in seiner 15 Jahre langen Karriere eine gute Position erarbeitet hat. „Mit der ,Wenn sie nicht wollen, dann mache ich es eben selber‘-Strategie fährt man sehr gut im Leben.“ Was einen natürlich wieder zurück zu Prince bringt, denn sie Assoziationen für die erste drei Farben sind klar, die Musikstile und Stimmungen passen auch für Nicht-Synästhetiker zur Musik, aber die Musik von Prince kann ja nicht immer nur eine Farbe sein? „Lustigerweise ist es trotzdem sehr purpur. Die abgehangenen, bluesigen Dinger werden zwar eher rötlich, und etwas wie ,Sometimes It Snows in April‘ würde ich zu Blau machen. Aber alles wie ,Cream‘, ,Let’s Go Crazy‘, ,1999‘, also das ist purpur.“ Daher ergibt es Sinn, dass seine vier Hommage- Songs an den Meister sich eher an dessen klar funkiger Welt orientieren. Weiß Seven noch, wie es war, als er die Nachricht vom Tod von Prince bekommen hat? „Im ersten Moment war ich richtig sauer, nicht traurig. Es kam aus dem Nichts. Er ist jetzt tot und man weiß nicht, warum.“ Er schüttelt den Kopf. „Und dann hat er seit zwanzig Jahren den Lift gemieden und wird da gefunden! Der Lift in Paisley Park war ja auch immer abgesperrt … Ein Freund von mir hat sein letztes Album gemischt, darum weiß ich das.“ An diesem Abend hatte Seven auch noch einen Auftritt. „Es war sehr surreal. Dann noch im April. Und dann hat es in der Nacht geschneit bei uns. Im April. Es war echt heftig. Wie in einem Film. Wie immer, wenn er was macht ...“ Im Lied „Brave“ gibt es einen kleinen Break, in dem Japanisch gesprochen wird. „Das ist aus dem Film ,Vier Schwerter‘, wo die Prinzessin und die Mätresse des Prinzen darüber reden, dass der Prinz verschwunden ist“, erklärt er. „,Der Prinz ist tot … aber wir können beide noch mit ihm kommunizieren‘, sagen sie.“ Und ein letztes Mal muss Seven lachen: „Und sind wir nicht alle seine Mätressen?“ *Christian K. L. Fischer

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