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blu Januar/Februar 2019

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KUNST NACHGEFRAGT

KUNST NACHGEFRAGT ELEN-ART „An dem Punkt, an dem das Bild zum Leben erwacht ...“ Als Arthur 1985 in G‘azalkent, Usbekistan geboren, lebt sie nun als transsexuelle Künstlerin Elen-Art am Bodensee. Elen-Art ist eine Meisterin der Kunst. Mithilfe von Acrylmalereien, Kollagen, Ölgemälden und digitalen Bildern drückt sie aus, was sie beschäftigt. Wir fragten genauer nach. Was inspiriert dich? Zuerst sind da die weiße Leinwand und der Gedanke, dass alles daraus werden kann, was ich mir vorstelle – und sogar darüber hinaus. Eine Fläche nur für mich und meine Ideen, ohne Zwang und ohne Vorgaben. Das ist es, was mich zunächst dazu bringt, den Pinsel in die Hand zu nehmen. Was aber dann genau auf die Leinwand kommt, davon habe ich vorher keine exakte Vorstellung. Wichtiger ist, wie ich mich dabei fühle, wenn der Pinsel die Leinwand berührt und wenn die ersten Striche sich kreuzen. Es ist wie ein Kreislauf, der erst einmal in Gang gesetzt werden muss. Zuerst baue ich auf, und dann zerstöre ich wieder. Ich male eine Fläche und zerteile sie dann mit Linien. Ich verbinde und zertrenne, und wenn das Ganze einen gewissen Flow bekommt, dann merkt man das dem Bild an. Es fühlt sich lebendig an. Ähnlich der Rubin’schen Vase lassen sich viele Elemente mehrfach deuten, wodurch alles in mehreren Zuständen gleichzeitig zu sein scheint. An dem Punkt, an dem das Bild zum Leben erwacht, muss ich nicht weitermalen, denn alles, was das Bild dann macht, passiert im Kopf des Betrachters ganz von alleine. Ich male also meistens nicht, weil mich irgendwas schon inspiriert hat, sondern damit ich Inspiration finde. So wie man Sport macht, nicht weil man sich gerade fit fühlt, sondern damit man fit wird und/oder bleibt. Inwiefern hilft dabei dein Leben in Konstanz am Bodensee, Kunst zu verwirklichen? Wenn es um die Auswahl der passenden Galerie geht, würde ich sagen: herzlich wenig. Als ich nach Konstanz kam, sah ich mein künstlerisches Werk noch als

Hobby und wollte hauptsächlich weg vom Elternhaus, um eigenständig zu leben. Ich fand Arbeit und hab mich hier eingelebt. Ich schließe nicht aus, dass ich eines Tages den Sprung in eine größere Stadt wage, wo meine Chancen, bekannter zu werden, größer sind. Aber schmerzlos wird die Trennung von Konstanz nicht sein. Ich hab hier Freunde, die ich sehr schätze. Ich mag den Geruch der Seeluft, und nicht zuletzt ist die Stadt an sich auch sehr schön. Ich wohne da, wo andere Urlaub machen. Wie nimmst du die Gesellschaft am Bodensee wahr, ist sie tolerant dir gegenüber? Im engsten Kreis der Freunde waren die Reaktionen sehr positiv. Man gab mir das Gefühl von Sicherheit. Ich hab mich nie ausgeschlossen gefühlt. Was die breitere Öffentlichkeit angeht, ist das wirklich schwer zu beantworten, weil ich keinen Vergleich zu anderen Städten ziehen kann. Ich bin seit acht Monaten geoutet und bin hier in Konstanz auch zum ersten Mal in die Öffentlichkeit gegangen. Ich finde es immer noch extrem schwer, rauszugehen und mich zu zeigen. Das größte Problem dabei ist die eigene Angst, durch die ich manchmal falsche Eindrücke auf die Blicke und Reaktionen anderer projiziere. Je selbstbewusster ich mich gebe, desto geringer ist die Chance, abfällige Blicke zu kassieren oder den Ausdruck in den Gesichtern falsch zu deuten, weil ich erhobenen Hauptes alles anders wahrnehme. Das ist leichter gesagt als getan, aber meiner Meinung nach die einzig richtige Einstellung. Ich hatte natürlich auch negative Erlebnisse. Es gab diese Momente, da wurden auf einmal die Köpfe zusammengesteckt, es wurde noch mal ein flüchtiger Blick zu mir geworfen oder das Gesicht wurde verzogen. Auch solche Kleinigkeiten sind verletzendselbst wenn ich weiß, dass die Menschen es einfach nicht gewohnt sind und deshalb so reagieren. Ich hab auch positive Erinnerungen, beispielsweise das Coming-out bei meinem Hausarzt, der empathisch und verständnisvoll reagiert hat. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich völlig entspannt rausgehen kann. Ob das auch an der Region liegt, kann ich nicht genau sagen, dazu stören meine eigenen Unsicherheiten noch zu sehr meine Objektivität. Der Anblick deines Gesichts würde dich unglücklich machen, hast du gesagt. Warum denn das? Apropos Unsicherheiten. Ich weiß, wie das klingt, aber ich kenne meinen Körper besser als jeder andere und somit auch jedes Detail, das mehr an einen Mann erinnert als an eine Frau. Diese Details fühlen sich falsch an, seit meiner Kindheit. Das ist kein gutes Gefühl. Es kann mich in die Verzweiflung treiben, weil ich es selbst unzählige Male hinterfrage, und je mehr ich es hinterfrage, desto komplizierter wird es. Es lässt sich einfach nicht wegargumentieren. Beim Anblick meines Gesichts ist diese Emotion aus verschiedenen Gründen besonders stark. Zum einen, weil es das wichtigste Kommunikationswerkzeug des Menschen ist. Wir schauen uns ins Gesicht, um einander zu erkennen. Zum andern bin ich, da ich auch Porträts male, gut darin geübt, Gesichtsmerkmale zwischen Mann und Frau zu unterscheiden. Da stechen diese Details für mich besonders heraus. Egal wie kontrovers dieses Thema auch sein mag, ich weiß eines ganz genau: Zu denken, dass das nur Oberflächlichkeiten und die inneren Werte viel wichtiger sind, hat mir nie geholfen. *Interview: Michael Rädel elen-art.de

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