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blu August 2016

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Gesellschaft Itay: Als

Gesellschaft Itay: Als wir nach Deutschland kamen, mussten wir erst einmal die rechtlichen Bedingungen in Erfahrung bringen. In Israel wäre es vielleicht schneller gegangen, weil wir wussten, wie es geht. Und natürlich mussten wir auch gewisse Rücklagen aufbauen. ALS IHR EUCH FÜR DIE LEIHMUTTER- SCHAFT ENTSCHIEDEN HATTET, WIE SEID IHR WEITER VORGEGANGEN? Roi: Es gibt weltweit einige Länder, die rechtlich infrage kamen. Allerdings wäre es in Deutschland aufgrund der Rechtslage schwierig gewesen, die juristischen Voraussetzungen zu schaffen. Deshalb haben wir uns für die USA entschieden. Itay: Zuerst musste die Leihmutter gefunden werden und anschließend die Eispenderin. Wir hatten das Glück, eine großartige Frau zu finden, die bereits

Thema Kinder hatte und ganz gezielt den Wunsch verfolgte, zwei Schwulen eine Elternschaft zu ermöglichen. Außerdem hatte sie auch das Ziel, ihrer Familie, ihren Kindern und ihren Arbeitskollegen zu zeigen, dass es mehr Lebensmodelle gibt, als sie in der amerikanischen Kleinstadt ihrer Herkunft denkbar zu sein scheinen. Sie hatte eine fantastische Art, auch ihren Kindern diese Aspekte zu verdeutlichen. Als wir ihre vierjährige Tochter fragten, was sie im Kindergarten antwortet, wo denn das neue Geschwister wäre, sagte sie: „Aber es ist nicht unser Kind, es ist euer Kind und wird mit euch in Deutschland leben.“ Die Leihmutter hat uns auch gebeten, in ihrer Schule, wo sie Lehrerin ist, den Kindern in der Klasse über uns zu erzählen. NACH WELCHEN KRITERIEN HABT IHR DIE EISPENDERIN AUSGESUCHT? Itay: Wir hätten sämtliche Kriterien berücksichtigen können, allerdings war uns ein genetischer Test der wichtigste Faktor, um irgendwelche Krankheiten auszuschließen. WAR ES SCHWIERIG, EINE GEMEIN- SAME WAHL FÜR EINE EISPENDERIN ZU TREFFEN? Itay: Jeder von uns hatte aus einer Auswahl von zwanzig bis dreißig Profilen fünf ausgesucht und unter ihnen ein Ranking aufgestellt. Das Überwältigende war: Wir hatten die gleichen fünf ausgewählt und hatten dieselben Favoriten für Platz eins und zwei. HABT IHR KONTAKT ZU DER EISPENDE- RIN AUFGENOMMEN? Roi: Ja, wir haben sie nach der Befruchtung persönlich getroffen, was eher ungewöhnlich ist. Wir wollen eines Tages, falls Daniel fragt, antworten können, wer die Eispenderin war. WIE VERLIEF DER KONTAKT MIT DER LEIHMUTTER NACH DEM EINSETZEN DER EMBRYONEN? Roi: Zwei Wochen nach der Befruchtung sind wir nach Deutschland zurückgekehrt und haben gewartet, ob die Schwangerschaft eingetreten ist. Danach kommt der Herzschlagtest, der zeigt, ob der Embryo lebt und ob es einer oder mehrere sind. Sie hat uns an allen Tests via Skype teilnehmen lassen. Das erste Mal, als wir Daniel auf dem Ultraschall sahen, haben wir geheult wie Schlosshunde. WIE VERLIEF DIE ENTBINDUNG? Itay: Wir wussten von Beginn an, dass wir dabei sein dürfen. Nicht nur wir, sondern auch die Leihmutter bekommt die Profile zu sehen und trifft eine Auswahl, für wen sie das Kind austrägt. Roi: Wir waren alle zusammen im Raum. Itay und ich mit freiem Oberkörper, und im Moment nach der Geburt wurde uns das Baby schmutzig und blutig wie es war auf den Oberkörper gelegt. Nach der Geburt sind wir noch drei Tage im Krankenhaus geblieben. Wir hatten zwei Räume direkt nebeneinander: Ein Doppelbett für uns sowie eine Krippe für das Baby und nebenan die Leihmutter. Auch nachdem sie entlassen war, kam sie zusammen mit ihren Kindern, um uns drei zu besuchen. WAS PASSIERT ANSCHLIESSEND? Roi: Nach amerikanischem Gesetz sind alle Kinder, die in den USA geboren werden, Amerikaner. Nach drei bis vier Wochen und jeder Menge Papierkram bekam Daniel ihre amerikanische Geburtsurkunde und ihren US-Pass. UND KEINER AN DEN GRENZKONTROL- LEN HATTE EIN PROBLEM? Roi: Nein, in der Geburtsurkunde steht, dass Daniel zwei Väter hat. Punkt. An der deutschen Grenze wurden wir gefragt: „Sind sie die Eltern?“ „Ja.“ „Willkommen in Deutschland.“ UND WIE VERHIELT ES SICH MIT DEM EINBÜRGERUNGSPROZESS IN DEUTSCHLAND? Roi: Das größte Problem war, dass das Standesamt den Namen, den wir ausgesucht hatten, abgelehnt hat. Es wurde verlangt, dass wir ihn ändern, obwohl sie eine gültige Geburtsurkunde und einen gültigen US-Pass hatte, als wir nach Deutschland kamen. Wir hatten uns zuvor dazu entschieden, unsere Tochter nach meinem Vater zu nennen: Daniel. Das ist ein gängiger Unisex-Name in Israel. Das deutsche Standesamt hat unseren Antrag abgelehnt. Deswegen brachten wir ihnen eine Bestätigung der israelischen Botschaft, dass Daniel ein gebräuchlicher Mädchenname ist. Aber nein, sie verlangten immer noch, dass wir den Namen ändern. Ihre Begründung war, dass anhand des Namens das Geschlecht nicht zu erkennen sei. Zu diesem Zeitpunkt war Daniel bereits schon mehr als drei Monate hier und damit ihr Touristenvisum abgelaufen. Das hat es uns unmöglich gemacht, mit ihr zu reisen. Als Daniel dann sieben Monate alt war, konnten wir uns mit dem Standesamt einigen. Der Kompromiss ist ein weiblicher deutscher Mittelname – der von uns gewählte erste Vorname konnte bleiben. •Interview: Olaf Alp 1) Hochrechnung aus Nutzerbefragung 2013, weltweit Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single über PARSHIP 1) Jetzt verlieben

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